Der B.O.f.H. feiert Weihnachten … [30/03]
Fantastisch!
“Es gibt, hm … keine Weihnachtsprämien in diesem Jahr”, murmelt der Chef in der Hoffnung, schnell zum nächsten Tagesordnungspunkt zu kommen, bevor jemand der Anwesenden losflennt.
“Was?” winselt ein Kauz aus der Nutzerbetreuung. “Aber ich brauche das Geld, um meinen Ausflug in den Norden zu bezahlen!”
Einige Seufzer aus dem Hintergrund des Raumes zeigen, daß der Kauz nicht der einzige ist, der seine Urlaubsreise mit dem Prämien-Scheck bezahlen wollte …
Verwünschtes Schicksal! Da ich als Vertragsunternehmer keinen Anspruch auf die Teilnahme am Prämiensystem habe, muß ich zugeben, daß mir dieser Kummer ziemlich gleichgültig ist. Trotzdem muß man etwas Mitleid mit ihnen haben – auf eine irgendwie väterliche Weise.
Mir wird klar, daß es keinen Spaß machen wird, wenn diese Leute mit ihrem Gejammer uns die Laune verderben …
…
“Was zur Hölle ist mir dem Server in der Personalabteilung los?!?!” ruft der Chef, als er mit Warp-Faktor 3.5 durch die Tür in unser Büro rauscht.
“Was meinen sie?” fragt der PJ unschuldig.
“Dieses verdammte Auszahlungssystem! Es bucht Geld von den Lohnkonten der Leute ab!” keucht er.
“Aber es ist doch gar kein Zahltag!”
“Nein, aber heute werden die Prämien ausbezahlt, allerdings werden negative Werte überwiesen!”
“Ich dachte, es soll keine Weihnachtsprämien geben?” frage ich.
“Nun, nicht für die normalen Angestellten, aber für die Manager und die Mitglieder des Aufsichtsrats …”
“Ich weiß schon, der alte ‘Übertölpelt-die-Mitarbeiter’-Trick!” unterbreche ich ihn.
“Ach was! Es stand einfach nicht genügend Geld zur Verfügung, um alle Mitarbeiter zu belohnen. Und so hat sich die Firmenleitung entschieden, das Geld gleichmäßig und fair unter sich und den Managern aufzuteilen, die im vergangenen Jahr für Einsparungen gesorgt haben.”
“Sie belohnen sich selbst mit negativen Prämien? Nun, ich muß gestehen, daß das fairer ist als ich mir je hätte träumen lassen. Aber wieso kommen sie damit zu uns – warum reden sie nicht mit den Leuten aus der Lohnbuchhaltung?”
“Die haben schon versucht, die Zahlungen rückgängig zu machen. Aber das Programm erlaubt es nicht, eine einmalige Prämie zu ändern, wenn sie einmal überwiesen wurde!”
“Ja, ich kann sehr gut verstehen, warum das so ist. Aber warum sprechen sie mit uns?”
“Wir müssen es rückgängig machen! Jetzt! Die Hypothekenzahlungen der Leute sind in Gefahr!”
“Entschuldigung, aber das kann ich nicht tun – das wäre Veruntreuung!”
“Es ist in Ordnung, ich übernehme die Verantwortung – aber es muß getan werden!”
“Das brauche ich schriftlich!”
“Geben sie mir ein Blatt Papier!” >Kritzel< “IM AUFTRAG VON” >Kritzelkratzel< “Machen sie die Transaktionen rückgängig um die vollen Beträge von” >Kritzel< “jetzt.” “BITTESCHÖN!”
Ich greife nach dem Blatt und gehe damit zu meinem Schreibtisch.
“Es wird, hm, etwa eine Stunde dauern, um all die prämienberechtigten Leute herauszufinden, die Rückbuchungen vorzunehmen und die Kontostände zu aktualisieren. Und ich brauche jemanden aus der Lohnbuchhaltung, um mit der Bank zu reden …”
“Ich werde sofort jemanden holen!”
… EINE STUNDE SPÄTER …
“WAS HABEN SIE DENN NUN ANGESTELLT!?” schreit der Chef die Tür an, als er wieder in unser Büro stürmt. “Sie haben die Prämien noch einmal überwiesen!” schluchzt er.
“Ja – wie sie es gewünsch hatten.”
“WAS?!?”
“Sie sagten, wir sollten die Überweisungen rückgängig machen und die Beträge. Wenn wir die Überweisungen rückabwickeln, buchen wir also von den betroffenen Konten wieder einen negativen Wert zurück. Buchen wir dann noch den Betrag zurück, also einen positiven Wert, belasten wir die Konten mit einem positiven Betrag. Wie sie es uns gesagt haben. Schauen sie, hier steht es auf dem Papier, das sie unterschrieben haben …”
>Ächz!<
“Welches” >Ritsch< >Ratsch< “Blatt >Ritschratsch< Papier?” fragt der Chef, der wohl den Braten riecht.
“Oh, mein Fehler, das war nur meine Spesenabrechnung für das Mittagessen, die mir ins Urinal gefallen war und hier trocknen sollte …”
>SCHLUCK!<
“HIER ist das Bla …”
“Her damit!” >Ritsch< “Ich habe” >Ratsch< “nicht unterschrieben.”
“Das war es leider auch nicht, das war doch ein leeres Blatt, nicht wahr?”
Der Chef beginnt, Papier zu schlucken wie ein elektrischer Papier-Zerkleinerer. So will man einen Vorgesetzten bestimmt nicht sehen, nachdem er herausgefunden hat, wohin all das Geld verschwunden ist …
“Sie müssen mich verstecken!” fleht er und duckt sich hinter den Tisch. “Sie werden mich lynchen, wenn sie mich finden!”
“Warum? Sie sind doch ebenso betroffen wie die anderen?”
“Ja, aber die Idee zum Wechsel bei der Prämienauszahlung war von mir …”
“Ach so, dann sind sie jetzt wirklich ein gesuchter Mann. Verstecken sie sich vorerst unter dem Tisch des PJ.”
>Krawumm!!<
“Wo ist er?” ruft der IT-Chef, offensichtlich nicht gerade gutgelaunt.
“Wer?”
“Ihr verdammter Vorgesetzter!” knurrt ein anderer Manager.
“Keine Ahnung. Zuletzt hat er uns irgendwas von irgendwelchen Prämien erzählt.”
“Finden sie ihn!”
“Das würde ich gern tun, aber ich durchschaue noch nicht ganz die Sache mit den Prämien. Scheinbar ist das Geld … einfach verschwunden. Nein, warten sie! Es sieht so aus, als sein ein Teil, natürlich in kleineren Beträgen, an die normale Belegschaft überwiesen worden!”
“Und der Rest?”
“Weg!” antwortet der PJ in gespielter Panik, während er sich gleichzeitig auf dem Monitor über die Preise für Flüge in der Ersten Klasse informiert.
“Machen sie das rückgängig!”
“Ja, DAS KÖNNTE ICH, aber ich glaube nicht, daß sie das wirklich wollen – wir haben das schon einmal versucht, aber es funktionierte nicht gerade richtig. Es KÖNNTE passieren, daß noch weitere Prämien von ihren Konten verschwinden …”
… Am nächsten Tag, unten im Lokal …
“Mmmmmfffffffffffgguggle”, sagt der PJ, was nicht überraschend ist, wenn man bedenkt, daß er die letzten drei Stunden damit zugebracht hat, die Biere zu trinken, die ihm die Mitarbeiter spendierten, die nun doch noch ihre Prämien bekommen haben.
“Ggggggg”, antworte ich und rutsche langsam unter den Tisch.
Ach ja, die Weihnachtszeit …

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