Amors Pfeil trifft den B.O.f.H. [26/04]
Mit dem gelben Ordner der Verdammnis kommt der Chef in unser Büro. Seitdem die Erbsenzähler auf die entsetzlich hohen Verlustraten unserer Technik aufmerksam wurden, haben sie uns eine halbjährliche Inventur aufgebrummt, um deren rätselhafte Bewegungen nachvollziehen zu können.
“Ich habe einen kleinen Auftrag für sie – falls sie etwas freie Zeit haben”, gluckst er.
“Wir haben keine freie Zeit!” erwidert der PJ, der ahnt, was auf uns zukommt.
“Sie sollen doch nur”, fährt der Chef fort und ignoriert den PJ. “Sie sollen doch nur die letzten drei Zahlen der Inventarnummer in die Liste eintragen, wenn sie die entsprechende Technik gefunden haben.”
“Hinterhältig.” antwortet der PJ.
“Was?”
“Hinterhältig. Das bedeutet, daß wir zu dem Apparat GEHEN müssen – statt einfach einen Haken auf der Liste machen zu können. Es wird Monate dauern bis ich alle Geräte geprüft habe.”
“Ich …” sagt der Chef etwas verstört vom Lauf der Dinge. “Ich könnte ihnen eine zeitweilige Hilfskraft dafür zur Verfügung stellen.”
“Eine Hilfskraft!” ruft der PJ. “Wir würden die gleiche Zeit dafür aufwenden ihr zu helfen, die wir brauchen, wenn wir uns selbst um die Dinge kümmern.”
“Nein, nein, ich glaube mit einer Hilfskraft könnte es funktionieren”, mische ich mich ein.
“Gut, dann gilt das also!” tönt der Chef in hohen Tönen und ist sichtlich froh, uns verlassen zu können.
“?” will der PJ wissen, als der Chef gegangen ist. “Das wird mehr Ärger geben als irgendwas!”
“Nicht unbedingt. Wir sagen, es dauert zwei Wochen und lassen dann die Hilfskraft einfach die Inventarnummern abschreiben, die ich aus der Inventar-Datenbank ausdrucke. Für die restliche Zeit kann sie mit einer sinnvollen Tätigkeit beschäftigt werden, etwa dem Streichen unseres Büros …”
“Fantastisch!”
“Das dachte ich.”
…
Zwei Tage später …
“Und nun möchte ich ihnen die beiden Herren vorstellen, für die sie arbeiten werden. Meine Herren, das ist Cathy.”
“A. Hmm.” antworten der PJ und ich.
…
“Atemberaubend”, erklärt der PJ, als der Chef sie beauftragt hat, irgendwelche Büromaterialien zu suchen.
“Wie war doch gleich das richtige Wort?” erwidere ich. “Unverdorben? Sie wissen schon, wie die Lichtung eines Regenwaldes?”
“Wie ein ruhiger, kritallklarer Bergsee”, seufzt der PJ.
“Wie ein Hauch frischer Landluft.”
“Wie ein Intel-Rechner ohne OS/2″, setzt der PJ fort und übernimmt meine Rolle, die beiden OS/2-Nutzer unter den Lesern zu verärgern.
…
“Ihre Aufgabe, Cathy, besteht darin, einfach die Zahlen von dieser Seite in diese Liste einzutragen”, erkläre ich.
“Mehr soll ich nicht tun? Ich Chef hat doch erzählt, es wäre viel Beinarbeit zu erledigen?”
“Das haben wir alles schon getan, bevor sie zu uns kamen, aber unglücklicherweise müssen die Daten noch übertragen werden”, antworte ich, während ich gegen das Bild ankämpfe, das das Wort ‘Beinarbeit’ in mir auslöste.
“Ich könnte natürlich auch ihre Handschrift dgitalisieren und die Seite dann einfach in Farbe mit den korrekten Daten ausdrucken”, offeriert der PJ, um sich bei ihr einzuschleimen.
“Nein, sie würden bemerken, daß die Zahlen alle gleich aussehen und Cathy dafür tadeln, daß sie ihren Auftrag nicht richtig erfüllt hat.”
“Ich könnte sie für sie ausfüllen.” erwidert der PJ.
“Und ich könnte mich um Tee und Gebäck kümmern”, erhöhe ich den Einsatz ein wenig.
…
Der Nachmittag entwickelt sich weiter, und es wird offensichtlich, daß unser Büro die Wiederauflage eines Kampfes der Titanen erlebt, in dessen Verlauf der PJ und ich darum buhlen, mit jeder Tat Cathys Zuneigung zu gewinnen.
…
Und so kommt es, daß, als später an diesem Nachmittag der PJ mir Inventarnummern zuruft, damit ich sie aufschreibe, mir die Ironie der Situation deutlich wird.
“Ist ihnen schon aufgefallen, daß wir im Moment genau das tun, was wir als Inventar-Prüfung tun sollten?”
“Sie glauben, wir wären in eine Falle getappt und der Chef hätte all das GEPLANT!?!?”
“Nein, ich schätze, daß das reine Zufall ist – aber trotzdem ist es doch zum Lachen!”
“Und was sollen wir nun unternehmen?”
“Wir wollen bestimmt beide nicht, daß Cathy Schwierigkeiten bekommt, also werden wir noch diese Seite ausfüllen müssen und uns dann einen Plan ausdenken.”
“In Ordnung. Aber ich werde Cathy das mitteilen!”
“Ja, ja, aber für den Augenblick sollten wir uns möglicherweise auf einen Waffenstillstand in dieser Angelegenheit einigen. Also lassen sie uns diese Seite ausfüllen, bevor noch jemand von der Nutzerbetreuung sie entdeckt und anbaggert.”
“Gut!” antwortet der PJ, der die mögliche Gefahr erkannt hat.
“Dann kommen wir zum vorletzten Posten. Ein Leitungs-Verstärker.”
“Wo könnte der denn sein?”
“Ich glaube nicht, daß wir ihn momentan nutzen, also wird er wohl im Ersatzteilschrank liegen.”
“Ich kann ihn nicht sehen!” meint der PJ.
“Oberstes Fach, hinter den Macintosh-Rechnern.”
“Nein … hier ist nichts außer …”
>Krach!< >Rumms!<
“Hey!” ruft der PJ aus dem Schrank, als ich einen Tisch vor die Tür geschoben habe. “Was ist mit unserem Waffenstillstand?”
“Ich sagte, wir sollten ‘möglicherweise’ einen Waffenstillstand vereinbaren, als ich mich verdrücke.
…
“Und so haben wir uns also diese Seiten abgearbeitet und ich würde mich freuen, wenn sie … die Einträge mit denen in der Liste vergleichen könnten. Wenn sie wünschen, helfe ich ihnen selbstverständlich”, werbe ich um ihre Gunst wie ein echter Champion.
“Und ihr Kollege? Wo ist der denn geblieben?”
“In der Klinik für Geschlechtskrankheiten”, antworte ich bevor ich mich stoppen kann.
Ich weiß, es ist grausam, unsportlich und überhaupt nicht nett, aber trotzdem fair …
“Was IST nur mit diesem Ort los?” will Cathy wissen.
“Was meinen sie?”
“Nun, er hat eine Geschlechtskrankheit, sie sind HIV positiv …”
DIESER HINTERHÄLTIGE BASTARD! Ich wußte, daß ich nicht zur Toilette hätte gehen sollen, während der PJ noch mit ihr im Raum war.
Es wäre überflüssig, nun meine Unschuld zu beteuern, denn was immer ich sage, hätte keinen Bestand vor den Richtern. Ein Ehrenmann weiß, wann er geschlagen wurde und trägt die Niederlage mit Stolz …
“Sie haben offensichtlich schon ein längeres Gespräch mit meinem Kollegen gehabt – hat er etwa ihnen erzählt, weshalb seine ehemaligen Freundinnen ihn Rein-Raus-Tony nennen?”
Ich bin anscheinend kein Ehrenmann, verklagt mich.
“Nein. Aber Großvater sagt, daß sie schon seit Jahren miteinander arbeiten, warum fragen sie ihn nicht selbst?”
“Großvater?”
“Gerry. Davis. Der Geschäftsführer.”
** KLINGELINGELING!! **
“Ach!”
…
Das Rumpeln im Schrank verebbt, als ich den Rechner-Raum betrete und der PJ einen Zuwachs an Kraft verspürt. Als ich die Tür des Schranks öffne, zeigt sich, daß er erstaunliche Fortschritte dabei gemacht hat, die Verkleidung der Innenseite um das Schloß herum zu entfernen, so daß er nur noch wenige Stunden von der Freiheit entfernt war.
“Es ist vorbei”, sage ich. “Ich habe sie weggeschickt.”
“Sie haben WAS!?”
“Ich habe sie weggeschickt. Sie ist die Enkelin des Geschäftsführers.”
“Und?”
“Wenn der Wind sich drehen sollte, und das würde er, hätte die Hölle niemanden zu bieten, der ihn übertreffen könnte. Einer von uns würde auf der Straße landen – gleichgültig, ob wir unersetzlich sind.”
“Warum glauben sie, daß sich alles immer automatisch negativ entwickelt?”
“Die Geschichte hat es gezeigt. Denken sie darüber nach. Dann wissen sie, daß es schlimm enden würde …”
Der PJ denkt darüber nach. “Ja, möglicherweise haben sie recht. Verspüren sie nun einen Schmerz?”
“Keinen!”
>Krach!< >Rumms!<
Nun, vielleicht doch ein wenig.

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