The New Republic gibt zu: Greuelgeschichten aus dem Irak sind unglaubwürdig
Vor gut vier Monaten erschien in The New Republic, 1914 als eine linke Zeitschrift gegründet, unter dem Titel Shock Troops (Stoßtruppen) ein Beitrag eines im Irak eingesetzten US-Soldaten, der als Baghdad Diarist unter dem Pseudonym Scott Thomas schon mehrfach für das Blatt geschrieben hatte. In diesem Beitrag berichtete er von eigenem besonders unwürdigem Verhalten und über verrohte Kameraden.
So behauptete er, Fahrer des Bradley-Kampfpanzers würden sich einen Spaß daraus machen, Hunde zwischen die Ketten ihrer Panzer zu nehmen und sie dann durch ein paar Drehungen regelrecht zermalmen. Mit menschlichen Knochen als Kopfschmuck, so Thomas Scott weiter, sei ein Kamerad herumgelaufen. Und er selbst hätte im Verpflegungsraum zusammen mit anderen laut Witze über eine Frau gerissen, die möglicherweise bei einem Anschlag schwer im Gesicht verletzt worden war.
“Bin ich ein Monster?” fragte er sich “Ich habe mich nie als grausamen Menschen gesehen. Tatsächlich habe ich immer Mitgefühl empfunden für Menschen mit Behinderungen. In habe einmal in einem Sommerlager für in ihrer Entwicklung zurückgebliebene Kinder gearbeitet, und am College betreute ich wöchentlich mehrere Stunden einen Studenten mit zerebraler Lähmung bei den täglichen Aufgaben wie Schreiben, Essen und dem Gang ins Bad”.
Und ein solch hilfsbereiter junger Mann sollte nun scherzen über entstellte Frauen? The New Republic, die den Irak-Krieg anfänglich unterstützt, sich später aber dafür ausdrücklich bei ihren Lesern entschuldigt hatte, muß wohl regelrecht begeistert gewesen sein über den Bericht. Weniger begeistert hingegen war zunächst Michael Goldfarb, der für die Wochenzeitschrift The Weekly Standard ein Blog betreut.
Er mochte den Greuelgeschichten nicht glauben und stellte die Frage: “Fakt oder Fiktion”. Während er von The New Republic weitere Einzelheiten erfahren wollte, rief er Militär-Blogger dazu auf, eigene Ermittlungen anzustellen, Erfahrungen beizusteuern. Dieser Aufruf war erfolgreich, so wurde etwa schnell herausgefunden, daß das beschriebene Töten von Hunden technisch gar nicht möglich sei.
Und auch an die im Gesicht entstellte Frau, der Scott Thomas “täglich” begegnet sein wollte, mochten sich Soldaten, die im gleichen Camp Falcon wie er ihren Deinst getan hatten, nicht erinnern. The New Republic dagegen beharrte auf der Richtigkeit ihres Baghdad Diarist, schließlich hatte Elspeth Reeve den Kontakt zu Scott Thomas hergestellt, die seinerzeit als erfahrene Faktenprüferin für das Blatt arbeitete – und ihn später heiratete.
Doch immerhin, The New Republic kündigte, nachdem der Druck auch aus der Blogger-Szene immer größer wurde, weitergehende Untersuchungen an. Seit Montag nun auch für The New Republic steht fest, daß Scott Thomas dessen vollständiger Name Scott Thomas Beauchamp lautet, nicht zu trauen war. In einer über 7.000 Worte langen Erklärung legt Franklin Foer, Redakteur, dar, weshalb das so sei. Diese Einsicht kommt indes reichlich spät.
Sie ist zudem bestenfalls halbherzig zu nennen. Denn weder entschuldigt Franklin Foer sich bei den Lesern, gegenüber denen er Scott Thomas Beauchamp bis dahin verteidigte, noch verschwendet er auch nur eine der vielen Zeilen für eine Entschuldigung bei den im Irak stationierten Truppen. Vielmehr scheint er zu meinen, es könnte doch noch etwas dran sein, an Scott Thomas Beauchamps finster gezeichnetem Bild der Truppen im Irak:
“Angesichts der Beweise, die nach Monaten intensiver Nachforschungen vorliegen, können wir nicht mehr darauf vertrauen, daß die Ereignisse so geschehen sind, wie sie beschrieben wurden. Und ohne dieses grundlegende Vertrauen können wir nicht mehr zu diesen Geschichten stehen.”
Aber anderen? The New Republics Ruf jedenfalls hat diese Affäre und der Umgang mit ihr schweren Schaden zugefügt, zudem es schon einmal einen ähnlichen Vorfall bei The New Republic gegeben hatte: Das Redaktionsmitglied Stephen Glass hatte, wie 1998 bekannt wurde, mehrere Artikel völlig frei erfunden. 2003 widmete sich ihm der Film Shattered Glass.

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