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B.O.f.H. 2008/07: Vampire!

16. Juni 2008 B.O.f.H.

Und Roboter. Wir werden durch Roboter ersetzt.

Heute kann ein ganz übler Tag werden. Das liegt aber nicht an den teuflischen Langweilern aus der Manager-Klasse, auch nicht an der Dummheit unserer Nutzer, die einem das Blut zum Kochen bringt, nicht an machiavellistischen Plänen der Zulieferer …

Nein, heute wird ein schlimmer Tag, weil der PJ seit rund einer Woche unter Schlaflosigkeit leidet. Seine Spiele-Marathons haben seine innere Uhr so durcheinandergebracht, daß sie nicht mehr weiß, was die Stunde geschlagen hat.

Normalerweise behandelt der normale Wald- und Wiesen-Geek – wie ich oder in dieser Sache Sie – Schlaflosigkeit mit einem Kaltstart nach ein paar weiteren Tagen mit ununterbrochenem Spielen und gewaltigen Mengen Bier. Wird das richtig gemacht, führt es zu einem komaähnlichen 12-Stunden-Schlaf mit dem Kopf auf der Tastatur und sabbernd wie ein Depp. Wird es falsch gemacht, ist das Ergebnis ähnlich, nur daß es in einer U-Bahn geschieht und halb London zuschaut …

Unglücklicherweise aber hat sich der PJ entschlossen, Feuer mit Feuer zu bekämpfen und sich selbst JEDEN Schlaf verboten, um seinem Körper eine verdammte Lektion zu erteilen.

… was zu Verfolgungswahn führte und zu jüngsten Behauptung des PJ, der Chef plane uns durch Roboter zu ersetzen. Und nun lauert der PJ dem Chef im ganzen Haus auf.

“Beende Level 3″, spricht der PJ leise in sein Telefon. “Gehe in … die Bibliothek!”

Verflucht! Jetzt weiß ich, daß ich aufstehen und nachsehen muß, wie sich die unnatürliche Angst des PJ vor Bibliothekaren und anderem Dingen (darüber will ich hier besser nicht ins Detail gehen). In der Regel würde der PJ diese Ängste mit einem Schulterzucken überwinden. Doch in seinem gegenwärtigen Zustand kann niemand verhorsehen, was passiert, wenn ich nicht eingreife.

Es wäre nicht so schlimm, wenn es in unserer Bibliothek wenigstens EINEN Bibliothekar gäbe und nicht nur einen riesigen Raum voller Bücher, die niemand anfaßt. Seufz.

Ich ergebe mich meinem Schicksal und ziehe los nach oben, um den PJ zu treffen.

“Dort ist er lang”, flüstert der PJ.

“In die Bibliothek …”

“Pssst!” sagt der PJ. “Sie könnten uns hören!”

“Wer denn?”

“Die Bibliothekare.”

“Es gibt bei uns KEINE Bibliothekare.”

“Ja, aber jemand könnte unsere Sommerzeitregelung zur Energieeinsparung falsch verstanden haben und die Bibliothek als sicheres Rückzugsgebiet nutzen bis die Nacht beginnt.”

“Jaaah”, antworte ich mit rollenden Augen. Ich weiß, was jetzt kommt.

“Es sind Vampire, sage ich Ihnen!”

“Aber selbstverständlich”, seufze ich und bereite mich auf das Unausweichliche vor.

“SEHEN SIE! Diese blasse weiße Haut – sie gehen niemals hinaus in die Sonne! Das sehr diffuse Licht hilft ihnen zu erklären, weshalb sie keine Schatten haben. Es gibt NIEMALS Spiegel in Bibliotheken … BIN ICH DENN DER EINZIGE, DER DAS ERKENNT?”

“Schon möglich”, sage ich, während mir klar wird, daß der einzige Weg durch diese Lektion ist, den PJ jeden seiner Beweise selbst widerlegen zu lassen, um wieder ans andere Ende zu gelangen. “Und sie sind sehr zurückhaltend, oder? Sie sind sehr leise.”

“JA! LEISE!” keucht er. “Sie scheinen jederzeit hinter einem herschleichen zu können. Und dreht man sich um, sind sie verschwunden. Und sie lieben hohe Decken!”

“Wie die Decken in großen Bibliotheken?”

“JA! Und die Rohre – haben Sie schonmal die Rohre bemerkt, die immer an diesen hohen Decken hängen?”

“Die Sprinkler-Anlage”, seufze ich. “Die Art, die man erwartet in einem Raum voller … Papier.”

“Oh, die WOLLEN nur, daß Sie das denken. Aber in der Nacht – hängen sie von ihnen herunter!”

“Ja, guter Einwand. Sagen Sie mir, haben Sie heute auf dem Weg zur Arbeit ein paar Flaschen Cidre gehabt?”

“Was? Ich … – er wird aus Äpfeln gemacht, das ist gesund!”

Die Situation ist schlimmer als ich dachte – aber ich darf jetzt nicht aufgeben.

“Dann erklären Sie mir das”, sage ich, meinen letzten Angriff startend. “Wenn sie Vampire sind, würde man das doch früher oder später herausfinden. Ihre Ehemänner oder Frauen würden doch etwas bemerken, oder?”

“Ah-HAH!” macht der PJ. “Sie DENKEN das, würden Sie doch, nicht wahr – aber sie können nur mit ihresgleichen zusammen leben!”

“Also dürfen Bibliothekare nur andere Bibliothekare heiraten?”

“So ist es”, stimmt der PJ altklug zu. “Haben Sie jemals einen Bibliothekar getroffen, der nicht mit einer Bibliothekarin zusammen war – oder jemandem, der sich wie ein Bibliothekar verhält?”

“Ja”, nicke ich. “Und was ist mir ihren Kindern?”

“Ihrer Brut, meinen sie”, erwidert der PJ. “Die Untoten. SP-900-Sonnenschutz – aber damit können sie niemanden täuschen.”

“Ich sehe das anders”, erblicke ich das Licht am Ende des Tunnels. “Bestimmt könnte all dies auch über viele Menschen in der IT-Branche gesagt werden – blasse weiße Haut, sie gehen nie nach draußen, benutzen keine Spiegel. Wir haben auch Rohrleitungen an der Decke im Rechnerraum …”

“Ich …”

“Und viele Geeks treffen sich nur mit anderen Geeks …” sage ich freundlich.

“Ah … Ich … Wirklich?”

“Wirklich.” erkläre ich, als der Chef mit einem Buch aus der Bibliothek kommt.

“Also gibt es keinen Grund zur Sorge?”

“Überhaupt keinen”, meine ich.

“Und was ist mit ihm?” fragt der PJ, als der Chef näherkommt. Verzweifelt ist er bemüht, den Titel des Buchs zu verdecken: “Eine Fallstudie über die Automatisierung der IT-Infrastruktur”.

“Oh, er ist ein Vampir”, erkläre ich und reiche dem PJ einen Pflock.

Wer bin ich, mich Gottes Fügung zu widersetzen?

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