B.O.f.H. 2000/41: Wer gab dem Trottel diesen Posten?
Der Chef sieht aus wie ein Außerirdischer, als er mit seinem brandneuen Spielzeug auf dem Kopf, einem Headset, in unser Büro spaziert. Und dummerweise gehört er nicht zu den Außerirdischen, die man zur Erde geschickt hat, um die Ursache für das seltsame Klappern zu finden. Und das geht mir langsam wirklich auf die Nerven.
"Wo kommt diese Klappern eigentlich her?" frage ich den PJ und ertappe mich dabei, laut zu denken.
"Welches Klappern?" fragt der Chef.
Nun, die Gelegenheit will ich mir dann doch nicht entgehen lassen …
"Ein klapperndes Geräusch. Beinahe so, als wackle etwas in einer Verankerung …"
"Das ist ein Gebäude, das ist nicht mit Ankern am Boden befestigt." antwortet er.
"Oh, mein Fehler", seufze ich.
Schade.
"Ja, ja", murmelt der Chef dann in sein Mikrofon, das an einem Kabel baumelt. "Uh, hmmm … Richtig!"
Der PJ und ich warten gespannt auf die Neuigkeiten, die *ENORM* wichtig zu sein scheinen, wenn sie eine mobile Konversation wie diese nötig machen.
"Dieser Virus ist wieder da!" ruft der Chef schließlich.
"Welcher?"
"Dieses Liebesding. Sie hatten ihn vor einer Weile schon einmal - unter einem meiner Vorgänger." antwortet er selbstgefällig.
"Ach so, der Virus, der sich selbst an alle Adressen verschickt, die er im Adressbuch findet, wenn man so blöd ist, die Nachricht aufzurufen. Wenn man so blöd ist, Outlook zu benutzen, wenn man blöd genug ist, keinen aktuellen Virenscanner installiert zu haben …"
"Kann denn wirklich jemand SO blöd sein?" fragt der Chef, der uns mit dem, was er unter technischer Kompetenz versteht, beeindrucken will.
"Nun, Bill Gates lebt von solchen Leuten. Und das nicht schlecht." wirft der PJ ein.
"Programmiert er etwa auch die Viren?"
Was uns zum Kern des Problems führt. Noch SCHLIMMER als ein Chef, der etwas von Technik versteht, ist ein Chef, der glaubt, Erfahrung und Sachverstand werden mit dem Titel verliehen - also zum Beispiel glaubt er, er könne ein Netzwerk betreuen, weil er zum IT-Manager ernannt wurde … Ähnlich ist es mit dem Headset. Und dem brandneuen PC und dem Laptop, die er als ´IT-Profi´ angefordert hat - komplett mit einem externen Wartungsvertrag für die installierte Antiviren-Software. Ähnlich ist es mit seinem eingebildeten Sachverstand …
Seufz.
"Nein, nicht wirklich. Wie auch immer, wir benutzen ein Programm, das eingehende E-Mails automatisch prüft, so daß wir relativ sicher sind, was diesen speziellen Virus und seine Varianten betrifft." antworte ich. >GEISTESBLITZ< "… aber wir sind ein wenig besorgt über die Menge an pornographischen Bildern, die täglich an unsere Nutzer geschickt wird."
Das ist ein Thema, bei dem er mitreden kann, also widmet er uns nun seine volle Aufmerksamkeit. Und dabei ist er so schnell, daß es aussieht, als hätte er gerade das Geheimnis der Teleportation entdeckt. Aber natürlich ist er als IT-Manager eher an dem Problem interessiert und nicht an der Pornographie … Seufz.
"PORNOGRAPHIE sagten sie?"
"Ja, ganze Ladungen davon!" antworte ich. "Und ich glaube ´Ladung´ ist der richtige Begriff. Ich bin gerade dabei, die Daten bei dem betreffenden Nutzer zu löschen und ihn zu warnen, doch es scheint so, als hätte er das Verzeichnis mit der Hälfte seiner Abteilungskollegen geteilt!"
"Wäre es nicht besser … ein paar Beweise zu sichern?" dessen Neugier mit seiner professionellen Zurückhaltung zu kämpfen schein. "Nur für den Fall, daß er es leugnet?!"
Der Köder ist ausgelegt, und er hat angebissen …
"Nein, dafür haben wir nicht genügend Speicherplatz. Sehen sie, es sind Gigabytes!"
Ich zeige ihm ein Netzlaufwerk, auf dem sich ein paar hundert Megabytes mit Pornographie befinden und zeige ihm ein paar Bilder, um sein Interesse in die richtige Richtung zu lenken.
"Er hat sie sogar nach Kategorien sortiert!" ruft der PJ überrascht.
"Das stimmt!" fügt der Chef hinzu, der offenbar überrascht ist, wie schnell der PJ zu diesem Schluß kam.
(Wenn wir einmal davon ausgehen, daß wir gerade das Archiv des PJs anschauen, ist das freilich nicht besonders überraschend.)
"Wie auch immer, es wäre sicher besser, wenn wir sie löschen, um Speicherplatz auf dem Server freizugeben", schlage ich vor und ziehe die markierten Dateien auf das Papierkorbsymbol.
"ICH GLAUBE, wir sollten einen Beweis sichern. Was ist, wenn dort irgendwo Dateien gespeichert sind, die wirklich arbeitsrelevant sind? Was ist, wenn er alles leugnen würde und behaupten, die bilder seien niemals vorhanden gewesen?"
"Ich kann sie ja verstehen, aber wir haben wirklich nicht genügend Speicherkapazität auf dem Server, wie sie sehen können …"
"Ah, stimmt. Aber wir könnten meine Maschine nehmen - ich habe eine 18 Gigabyte- Festplatte mit einem Pentium III 866!" ruft er und leiert die Ausstattungsmerkmale seines PCs runter (offenbar ein beliebtes Party-Spiel) wie ein Maschinengewehr. "Und 256 Megabyte Arbeitsspeicher!"
(Wenn das nur der Fall wäre - nach dem großen Hardware-Raub in der vergangenen Woche … Gut, das Umprogrammieren des BIOS, damit es falsche Informationen liefert, dauerte länger als das Austauschen des Prozessors und des Arbeitsspeichers, aber die Mühe hat sich gelohnt …)
"Nun, ich glaube, wir könnten darauf die Bilder für ein Weile speichern …" stimme ich zu. "Nur für den Fall, daß jemand nachfragt."
… Zwei Tage später …
"Der Chef arbeitet ziemlich lange." meint der PJ später, als wir den Pub unter dem Einfluß eines gewissen Hopfenderivats verlassen und einen leichten Lichtschimmer hinter den Gardinen seines Büros bemerken.
"Ja, aber er ist ein gefeuerter Mann!" stimme ich ihm zu. "Nicht jeder würde Beweise so gründlich ´katalogisieren´ …"
"Sie glauben, er geht in dieser Nacht nach Hause …"
"Zumindest um sich zu waschen und die Kleidung zu wechseln …"
… Weitere zwei Tage später …
"Und als sie seine Bürotür öffneten fanden sie ihn splitterna …" schwatzt seine Sekretärin Sharon mit ihrer Freundin in der Kantine, wobei sie ein Headset benutzt, daß uns recht bekannt vorkommt. Sie unterbricht sich, denn offenbar stören wir nur mit unserem Wunsch, unsere Post abzuholen.
… andererseits erklärt das aber auch den ´Versiegelt durch den Wachdienst´-Aufkleber auf dem Türschloß des Chefs …
"Kann ich ihnen helfen?" fragt Sharon mürrisch, nicht gerade erfreut darüber, mitten im Tratsch untebrochen zu werden.
"Ja, ich frage mich, ob sie dieses Klappergeräusch der Verankerung des Hauses prüfen könnten und bei Bedarf die Hausmeister informieren könnten."
"Warum machen sie das nicht?"
"Weil sie den einzigen Generalschlüssel haben - aber wenn sie ihn mir leihen könnten …"
"NIEMAND bekommt den Generalschlüssel!" ruft sie ihr Reich verteidigend. "Also werde ich mich um die Sache kümmern, wenn ich etwas Zeit habe. Wo ist diese Verankerung?"
"Nun, sie wissen doch, wo der Ausgang des Müllschluckers im Erdgeschoß ist?"
"Nein?"
"Ich zeichne ihnen eine Karte …"

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