B.O.f.H. 2008/38: Die Sammlung ungenutzter Programme …
Alles für Bier.
"Lassen sie mich das zusammenfassen", sagt der Chef, nachdem er die E-Mail mit dem jüngsten Geniestreich des PJ gelesen hat. "Sie wollen eine … Software-Begnadigung?"
"Genau", erwidert der PJ.
"Und welchen Sinn soll eine solche Software-Begnadigung haben, wenn man sie schon daheim hat?"
"Sie gibt Leuten die Gelegenheit, Programm abzuliefern, die sie nicht mehr benutzen", beschreibe ich den Plan. "Es könnte doch sein, daß sie irgendwo ein Programm gekauft haben, aber nie dazugekommen sind, es zu nutzen. Vielleicht war es zu schwierig für sie, vielleicht haben sie auch nie gelernt, es richtig einzusetzen."
"Wie Microsoft Project", meint der PJ.
"Oder sie haben es einmal benutzt und dann wieder gelöscht, weil es ein einziger Alptraum war, und mit niemandem darüber gesprochen."
"Wie Windows ME", schlägt der PJ vor.
"Oder ein Team-Manager hat sich entschlossen, einen wirklichen Wechsel zu vollziehen und die Anschaffung von etwas Neuem für alle Untergebenen in Auftrag gegeben, bevor er …"
"… die Treppe hinunter gestoßen wurde", wirft der PJ ein.
"Ich meinte, bevor ihm mitgeteilt wurde, daß ‘die Firma sich in eine andere Richtung entwickeln wolle’."
"Also erfahren wir so, welche Programme die Leute nicht benutzen?"
"Zum Teil. Aber das wird uns auch in dem Fall helfen, wenn jemand in der Firma das gleiche Programm noch einmal kaufen möchte – wir geben ihm dann einfach eines der zurückgegebenen Exemplare, so daß nicht zwei Menschen verschweigen müssen, welch schlechte Software sie gekauft haben."
"Wir verkaufen ihnen die zurückgegebenen Programme." kommentiert der PJ.
"Ja, natürlich."
"Und wie hilft das der Firma?" will der Chef wissen.
"Wir müssen keine weiteren Kopien der Software kaufen, und wir haben mehr Platz in den unteren Schubladen der Aktenschränke", erkläre ich. "Nichts stört mich mehr, als von einem Lieferanten noch eine Lizenz irgendeines Programms zu kaufen, das schon unbenutzt in einer Schublade herumliegt. Natürlich, die verdammten Verkäufer lieben sowas! Ruft man sie an und fragt, wieviele Lizenzen sie einem eigentlich verkauft haben, spricht man genau den Bereich ihres Gedächtnisses an, der unter Amnesie leidet. Sie haben keine Ahnung – bis die Jahresrechnungen für die Wartung anstehen …"
"Aber würden wir in ihrem Vorschlag nicht Software wieder von uns kaufen?"
"Selbstverständlich. Aber auf diese Weise bleibt das Geld in der Firma."
"Bis vier Uhr am Freitagnachmittag", ergänzt der PJ.
"Zu diesem Zeitpunkt wird es in die Förderung der Moral investiert." füge ich hinzu.
"Also planen sie, das Geld einfach zu vertrinken?"
"Mhh, hmm", antwortet der PJ.
"Ich glaube, ich habe eine bessere Idee", erwidert der Chef und reibt sich das Kinn. "Wir sollten die Buchführung zu Prämien überreden, wenn Abteilungen ungenutzte Programme zurückgeben."
"Ich sehe nicht -"
"UND sie sollten eine zusätzliche, höhere Prämie zahlen – sagen wir, die Hälfte des aktuellen Preises der Software, wenn die Programme im Haus weiterverwendet werden können. So schaffen wir einen Anreiz, solche Programme abzugeben."
"Was ist, wenn sie später merken, daß sie die zurückgegebene Software doch brauchen? Wie stehen wir dann da?"
"Das ist doch kein Problem. Wir ersparen ihnen in jedem Fall, die Software zum regulären Verkaufspreis neu zu kaufen – wie sie sagen: so bleibt das Geld in der Firma."
Der PJ und ich sind nicht sicher, ob der Chef den Aspekt der alkoholischen Getränke in seinem Vorschlag angemessen berücksichtigt hat.
"Ich glaube trotzdem nicht, daß wir die Leute ausreichend motivieren können." änder der PJ daher die Taktik.
"Wir sollten Preise ausschreiben – einen für die Abteilung, die die Software mit dem höchsten Wert zurückgibt, und einen für die Abteilung, die die meisten Programme aus unserem Software-Bestand kauft." schlägt der Chef voller Begeisterung für die Sache vor, ohne zu merken, daß er damit nur die größte Ansammlung der nutzlosesten Software in der Geschichte ausgraben würde …
"Wie soll das funktionieren?" will der PJ wissen.
"Wir müßten den Wert der abgelieferten Programme ermitteln, und dann bekommt die Abteilung mit dem höchsten Wert einen Preis. Außerdem bewerten wir noch die Software, die aus unserem Bestand gekauft wird, und vergeben auch hier einen Preis - vielleicht 100 Pfund an der Bar."
"Aha", meint der PJ. Sein Interesse wird offensichtlich von der Geld-für-einen-Barbesuch-Idee beflügelt. "Zweimal 100 Pfund. Hmmm. Aber würden in dem Fall die Leute nicht einfach Unmengen unnützer Software kaufen, um den Preis zu bekommen? Das führt doch nur zu der Lage, die wir schon haben."
"Nein!" antwortet der Chef mit erhobenem Finger. "Sie müssen einen realen Bedarf nachweisen – und wir würden das prüfen."
"Das ist keine schlechte Idee", nickt der PJ.
"Ich kann keinen Haken erkennen", erkläre ich.
"Dann verschicke ich die Mitteilung jetzt", meint der Chef, nachdem er noch einige Änderungen im Text der E-Mail untergebracht hat.
… Drei Tage später …
"Das ist ja traumhaft!" freut sich der Chef, als er die Software-Stapel sieht, die sich unsere Zentrale angesammelt haben.
"Ich weiß", sagt der PJ. "Wir könnten beinahe einen eigenen Symantec-Laden eröffnen!"
"Ich dachte an ein Zertifikat als Microsoft-Händler", melde ich mich hinter einem Stapel Vista-DVDs.
"Welche Abteilung ist der Gewinner?" fragt der Chef.
"Nun, es war ein knappes Rennen", antwortet der PJ. "Einer der Erbsenzhäler hat scheinbar sein Herz an Lotus- und Novell-Installationen verloren. Aber dann lieferte jemand eine unheimlich hohe Zahl von OS/2 Warp-Installationsdisketten ab, die ausgereicht hätten, damit zwei Drittel der Firma auszurüsten – was niemand wollte."
"Wer ist also der Gewinner?"
"Nun …" meint der PJ. "Das sind wir."
"Sie?" staunt der Chef.
"Ja, wenn wir all die Server-Betriebssystem-, Datenbank- und elektronischen Lizenzen beachten, die nach der Virtualisierung unserer Dienste bei uns blieben, beachten, haben wir einen meilenweiten Vorsprung."
"Aber …"
"Ich weiß, das scheint nicht fair zu sein – aber bedenken sie, daß die Firma jetzt all die Lizenzen für neue Services nutzen kann."
"Ich vermute, sie bestehen auf den 100 Pfund", seufzt der Chef und gibt wirklich schnell auf.
"Das wäre nett", gibt der PJ beschämt zur Antwort. Wir hatten diesen Moment auserwählt, um mit der Genehmigung der Firma ein flüssiges Mittag zu uns zu nehmen.
. . .
"So", meine ich, als ich das erste firmenfinanzierte Bier vor mir habe. "Und wie gewinnen wir nun den zweiten Hunderter?"
"Keine Ahnung", sagt der PJ. "Aber ich hatte am Morgen Zeit für einen Anruf bei der Anti-Piraterie-Hotline, um mitzuteilen, daß jemand eine Menge Server ohne die nötigen Lizenzen betreibt. Wenn ich mich nicht irre, sind wir am nächsten Dienstag wieder hier."

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